Niedersachen klar Logo

Niedersächsischer Fachtag „Hörschädigung und Flucht – Pädagogische Aspekte der Teilhabe“ am 25.10.2019 in Hannover

Eine Veranstaltung des Arbeitskreises „Hörgeschädigte Flüchtlinge“


Über 70 Fachleute kamen am 25. Oktober 2019 in die Hartwig-Claußen-Schule (HCS) Hannover zum ersten Fachtag, der sich einem sehr speziellen Thema widmete: „Hörschädigung und Flucht – Pädagogische Aspekte der Teilhabe“. Organisiert hatte ihn der seit 2017 bestehende niedersachsenweite interdisziplinäre Arbeitskreis „Hörgeschädigte Flüchtlinge“, zu dem Fachleute aller niedersächsischen Förderschulen Hören inklusive der Landesbildungszentren für Hörgeschädigte (LBZH) gehören. Unterstützt hatten das Niedersächsische Landesamt für Soziales, Jugend und Familie (LS) und die Hörregion Hannover.

Das anspruchsvolle Programm bot hochkarätige Vorträge zu Theorie und Praxis in der Arbeit mit Menschen an, die durch Hörschädigung und Flucht ein doppeltes Handicap haben. Ina Barrenpohl-Förster (LBZH Osnabrück) und Norbert Broich (LBZH Oldenburg) führten in die Thematik ein und moderierten die Tagung. Sie stellten nach Grußworten von Daniela Pohl (Schulleiterin HCS), Nils Meyer (Projektleiter Hörregion mit einem Videoclip: Hörregion Hannover) und Manfred Flöther (LS) die Problematik und besonderen Herausforderungen dar, die mit dem verstärkten Ankommen von Geflüchteten mit Hörschädigungen seit 2016 auch in Niedersachsen zu veränderten Anforderungen für die pädagogische Arbeit geführt hatten.

In einem ersten Praxis-Input schilderte Beatrix Winter (LBZH Osnabrück) Ihre Situation in der Frühförderung bei einem kleinen Jungen mit einer Hörschädigung: Als Frau in einer Flüchtlingsunterkunft für Männer rückten die fachlichen Fragen zunächst in den Hintergrund, da es für sie zunächst darum ging, die Rollenfrage zu klären. Nach und nach tauchten alle Männer der Unterkunft im Zimmer des Jungen auf (der dort mit dem Vater und weiteren Männern lebte) und schauten zu, was die „Frau vom Amt“ und die Dolmetscherin denn dort machten. Eine Hörfrühförderung des Kindes war in dieser Unterkunft nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Das Kind kam bald in eine Fördereinrichtung.

Im anschließenden Fachvortrag zum „Spracherwerb hörgeschädigter Geflüchteter“ präsentierte Prof. Dr. Claudia Becker (Humboldt-Universität zu Berlin) einige Ergebnisse einer bundesweiten Studie (siehe auch „Hörgeschädigtenpädagogik“, Heft 01/2018) und deren Konsequenzen für die sprachliche und pädagogische Förderung. Am Beispiel lexikalischer Arbeit (Begriff „Pferd“) ist die direkte Alltagserfahrung (sehen, füttern, reiten) wesentlich für abstrakte Lernprozesse (Begriffsbildung, Wort, Gebärde, Bild, Symbol, Schrift). Hörgeschädigte Geflüchtete benötigen mit zunehmendem Alter auch mehr Zeit, um die grundlegenden Prozesse des Spracherwerbs zu durchlaufen. Sie propagierte dabei das Prinzip hochfrequenter Wiederholungen, welches zum Teil nur in Einzelsituationen möglich ist. Sie erwähnte, dass viele Kinder nur mit rudimentären Kommunikationsmöglichkeiten ankommen (z. B. mit sog. „Homesigns“, Gebärden, die im häuslichen, familiären Umfeld entstanden sind).

Marion Jansen (LBZH Hildesheim) stellte im anschließenden Praxis-Input ihre bilingual-bimodale Arbeit mit Kindern aus mehreren kulturellen Kontexten in der Primarstufe vor. Ein für diese Kinder wichtiges Angebot der Einrichtung ist die tägliche gemeinsame klassenübergreifende Sprachförderung in der dritten Unterrichtsstunde. Entscheidend sind die Beziehungsarbeit und eine gelingende Kommunikation, die im Wesentlichen durch die Deutsche Gebärdensprache erfolgt. Eine gehörlose Gebärdensprachdozentin unterstützt Frau Jansen in ihrer Arbeit.

Christoph Müller (Leibniz Universität Hannover) führte die Teilnehmenden in seinem Vortag „Sichere Lernorte für Geflüchtete“ durch traumapädagogische Fragestellungen. Von besonderer Bedeutung bei Flüchtenden sind dabei die sich wiederholenden Angst auslösenden Erlebnisse („sequentielle Traumatisierung“) – vom Beginn des Verlassens der Heimat, Erfahrungen während der Flucht, bis hin zu evtl. ablehnenden oder gar rassistischen Reaktionen nach der Ankunft im Zielort. Hier entsteht durch das Prinzip der Nachträglichkeit ein tief sitzendes traumatisches Muster. Pädagogisch wichtig sind für diese Menschen, besonders für Kinder, „sichere Orte“, Transparenz und Verlässlichkeit.

Nach der Mittagspause rückte der Werdegang von Ajan Alali in den Mittelpunkt. Mit Gunda Tiedemann und Sybille Deister (beide HCS) stellte er seinen Weg vor. Nach seiner Flucht aus dem Irak besuchte er als Jugendlicher die HCS und erwarb dort – auch durch die intensive Förderung durch Frau Deister, gute gebärdensprachliche Kompetenzen. Auch er betonte die Bedeutung hochfrequenter Wiederholungen für den Erwerb kommunikativer Kompetenzen. Das hierdurch entstandene positive Selbstbewusstsein führte auch zur Teilnahme an einem Tanzprojekt der Hörregion Hannover (siehe Video: Tanzprojekt ).

Anschließend konnte Jaqueline Dolle-Koebe (LBZH Osnabrück) Ajan Alalis aktuelle Situation in der Berufsschule im Zusammenhang mit der Arbeit dort darstellen. Mittels Sprach- und Kommunikationsangeboten, die sich zumeist aus der Fachpraxis ergeben, sollen Ajan und seine Klassenkameradinnen und -kameraden Einblicke in verschiedene Berufe erhalten und auf das selbständige Erwachsenenleben vorbereitet werden.

Der abschließende Beitrag von Anna-Maria Afanasjev und Julia Sperling (Caritasverband Wuppertal/Solingen, Fachdienst Integration und Migration) stellte das Projekt „Brücken schlagen“ vor, das die gesellschaftliche und soziale Integration gehörloser Jugendlicher und junger Erwachsener (14 - 27 Jahre) mit Migrationshintergrund fördern soll. Durch Mitarbeiterinnen, die mehrere nationale Gebärdensprachen beherrschen, kann ein großer Kreis von betroffenen Personen erreicht werden. Durch eine Vielzahl von Angeboten zum Erlernen und Vertiefen der deutschen Schrift- und Gebärdensprache werden deren kommunikative Fähigkeiten (mit Peer-Group-Erfahrungen) und damit das Selbstwertgefühl gestärkt. Ziel ist eine bessere Integration in den gesellschaftlichen und beruflichen Alltag. Ein eindrucksvolles Video aus dieser Arbeit rundete den Vortrag ab (siehe: Migamrap ).

Im Resümee wurden Aufgaben und Problemfelder angesprochen: gemäß Erlasslage müssen auch hörgeschädigte Geflüchtete nach zwei Jahren regulär benotet werden – ein persönlicher Lernfortschrittsbericht würde diesen oftmals gerechter und wäre wünschenswert. In Niedersachsen gibt es keine flächendeckenden Angebote durch gebärdensprachkompetente Fachleute (in Psychologie und Beratung sowie als Gebärdensprachdozentinnen und –dozenten). Angeregt wurde zudem, vergleichbare Projekte wie „Brücken schlagen“ auch in Niedersachsen zu initiieren.

Eindrücke vom Fachtag "Hörschädigung und Flucht" (Fotos: Laura Barkhau, HCS)

 
Daniela Pohl (HCS) begrüßt über 70 Gäste zum Fachtag „Hörschädigung und Flucht“.
 
Nils Meyer überbringt Grüße von der Hörregion Hannover.
 
Manfred Flöther (LS) wünscht dem Fachtag einen guten Verlauf.
 
Beatrix Winter (LBZH Osnabrück) schildert die Situation in der Frühförderung.
 
Prof. Dr. Claudia Becker (Humboldt Universität Berlin) referiert zu „Spracherwerb und Sprachbildung“.
 
Christoph Müller (Leibniz Universität Hannover) präsentiert „Sichere Lernorte für Geflüchtete“.
 
Gunda Tiedemann (HCS) führt in den Praxis-Input zum Werdegang von Ajan Alali ein.
 
Ajan Alali schildert engagiert seinen Weg von der Flucht bis in schulische Lernorte.
 
Jaqueline Dolle-Koebe (LBZH Osnabrück) stellt ihre Arbeit und Ajan Alalis aktuelle Situation in der Berufsschule vor.
 
Anna-Maria Afanasjev (Caritasverband Wuppertal/Solingen, Fachdienst Integration und Migration) stellt mit Julia Sperling (nicht im Bild) das Projekt „Brücken schlagen“ vor.
 
Ina Barrenpohl-Förster (LBZH Osnabrück) und Norbert Broich (LBZH Oldenburg) moderieren den Fachtag.
Linkliste Fachtag Hörschädigung und Flucht

Hier finden Sie die im Artikel erwähnten Links

Programm des Fachtags "Hörschädigung und Flucht"

Hier können Sie das Programm für den Fachtag "Hörschädigung und Flucht" am 25.10.2019 in Hannover herunterladen:

 Programm des Fachtags "Hörschädigung und Flucht"

zum Seitenanfang
zur mobilen Ansicht wechseln